Abstracts zu den Tagungsbeiträgen

Prof. Dr. Matthias Ochs:
Systemische Forschung – einige Entwicklungsstränge, Trends und Herausforderungen im internationalen Kontext

Die Heidelberger systemischen Forschungstagungen 2014 und 2017 zeigten: die systemische Forschungslandschaft ist nicht nur in Deutschland sondern auch international weiterhin (zum Glück) bunt und vielfältig, sowohl was die zugrundeliegenden Wissenschaftsparadigmen, die Gegenstandsbereiche, als auch die verwendeten Forschungsmethoden betrifft. Diese Trends systemischer Forschungsdiversität sollen exemplarisch anhand von Beispielen veranschaulicht und vor dem Hintergrund des sozialechtlichen Anerkennungsprozesses von Systemischer Psychotherapie sowie der konstruktivistisch informierten systemischen Skepsis gegenüber „Forschung“ reflektiert werden.

Dr. Günther Emlein / Stefan Beher, Moderation Prof. Dr. Heiko Kleve: Vom Nutzen der Systemtheorie für die (systemische) Praxis – wie die Theorie die Praxis beflügelt und die Praxis die Theorie befragt

„Grau, treuer Freund, ist alle Theorie / und grün des Lebens goldner Baum“! Nicht nur Mephisto, auch viele praktisch arbeitende Therapeuten und Berater zeigen ihr Unbehagen gegen allzu anspruchsvolle theoretische Betrachtungen: im Namen der Wirklichkeit, des Menschen, des goldenen Lebensbaums, die doch immer hinausweisen über abstrakte Modelle. Gerade das systemische Paradigma wird allerdings immer wieder mit ganz besonders abstrakten Vorstellungen in Verbindung gebracht: mit Systemtheorie nämlich als einer Großtheorie, die von der biologischen Zelle bis hin zur Weltgesellschaft einen Erklärungsansatz bietet. Dr. Günther Emlein und Stefan Beher diskutieren mit dem Publikum an Hand von anschaulichen Beispielen, wie solche theoretischen Erklärungsansätze in der Praxis dabei helfen, einen Unterschied zu machen, der einen Unterschied macht.

Workshops
Ich. Praktisch. Systemisch
Was heißt „Systemisch“ für Beratung, Arbeitswelt, Lehre, Gesellschaft / Politik?

In den Workshops möchten wir zur Reflexion und zum Austausch einladen.
Beratung – Was macht Beratung systemisch(er)?
Arbeitswelt – Was zeichnet eine systemisch(er)e Arbeitswelt aus? Was kann die Arbeitswelt von uns lernen?
Lehre – Systemich(er) lehren und lernen, wie geht das?
Gesellschaft / Politik – Wie kann die Gesellschaft von systemisch(er)en Gedanken profitieren? Was ist unsere Rolle als systemisch(er) Profis?

Jürgen Hargens: Lesung

Systemisches und lösungsorientiertes Arbeiten findet vorrangig im sprachlichen Austausch statt – Geschichten werden erzählt, umerzählt, neu erzählt und vieles mehr. Kinder lernen „spielerisch“ und lieben es, Geschichten zu hören. Das scheint bei Erwachsenen nicht viel anders zu sein. So hat Jürgen Hargens begonnen, Bücher für Betroffene zu verfassen und – später – spannende, interessante, nachdenkenswerte Geschichten aus dem Alltag zu veröffentlichen, die eine etwas andere Sicht auf Welten, Wirklichkeiten und menschliches Miteinander aufscheinen lassen. Seit Jahren liest er vor Fachpublikum und interessierten Menschen aus seinen Büchern. Und genau das wird er auch im Rahmen der SG-Tagung tun – eine Einladung, innezuhalten, sich verführen wie verzaubern zu lassen und andere Blicke auf den Alltag zu werfen.

Die Gorillas

Improvisationstheater ist Austausch zwischen Bühne und Publikum. Bei dieser Theaterform kommt nicht ein festes Stück zur Aufführung. Stattdessen improvisieren die Schauspieler aus dem Moment heraus Geschichten. Dabei greifen sie auf Ideen und Vorschläge des Publikums zurück. Die Themen, die das Publikum vorgibt, werden von den Gorillas unmittelbar in Theaterszenen umgesetzt. Die Betrachter_innen sehen das Geschehen vor ihrem Auge entstehen, so dass auch der emotionale Austausch zwischen den Gorillas und ihrem Publikum außergewöhnlich hoch ist.
Impro beinhaltet viele Aspekte, die auch in der therapeutischen Arbeit eine Bedeutung haben. Vertrauen, Spielfreude und das gegenseitige Akzeptieren von Ideen ermöglichen ein spielerisches Probieren neuer Handlungsweisen. Die interaktionelle Perspektive beim Impro richtet sich auf eine neugierige zugewandte Kommunikation, die einen offenen Umgang mit Unsicherheiten anregt. Bei Auftritten im Rahmen von z.B. Konferenzen oder Firmenfeiern können mit den Techniken
des Improvisationstheaters Themen und Inhalte der Veranstaltung bzw. des Unternehmens konkret in die Show einbezogen werden.

Dr. Wolfgang Dillo:
Die Neurobiologie des Konstruktivismus – wie in unserem Gehirn Wirklichkeit entsteht.

Der Konstruktivismus ist als Denkfigur kongruent zu hirnphysiologischen Erkenntnissen. Der Mediziner Wolfgang Dillo erklärt aus physiologischer Sicht, wie Informationen verarbeitet werden, wie Erkennens- und Erkenntnisprozesse im Gehirn entstehen, und inwiefern dies autopoietische Prozesse darstellt. Das Gehirn muss Sinne und Wahrnehmungen (Bottom Up) und Erinnerungen und Erfahrungen (Top Down) abgleichen und zusammenbringen. Wenn das daraus entstehende Bild widersprüchlich wird, entscheidet das Gehirn nach dem Kriterium der eigenen Sinnhaftigkeit, selbst wenn das Ergebnis nach anderer Einschätzung falsch ist. Wir sind also nicht frei zu denken, was wir wollen. Erst die Selbstbeobachtung (Kybernetik 2. Ordnung) hilft uns hinaus: Trau dir nicht zu schnell – schalte erst dein Frontalhirn ein!

Hannah Eller

Systemisch in Bild und Ton und am Thema vorbei.
Ich möchte in diesem Vortrag „systemisch“ außerhalb von Texten, (Lehr)Büchern und bewährten Namen entdecken: in der Kunst, Musik, in Cartoons, Fotografien und Comics. Denn die interessantere Frage als „Was ist systemisch?“ ist vielleicht „Wie und wo entwickelt sich Systemisches und woran erkenne ich das?“. Ich werde mich allerdings davor hüten Antworten zu liefern (surprise!), sondern eher danach fragen wollen, ob ein solches Herumbummeln um Begrifflichkeiten erfrischend und ermutigend sein kann für die individuelle Auseinandersetzung mit der Bedeutung von „systemisch“. Ich möchte den Fragen nachgehen, durch welche Anreize eine persönliche Beschäftigung mit „systemisch“ stattfinden kann, welche Rolle ein vermeintlich beliebiges Verständnis von „systemisch“ in der Auseinandersetzung spielt und wem es eigentlich nutzt ein eindeutiges Verständnis von „systemisch“ zu haben. Und das alles in 30 Minuten.

Podiums-Diskussion

Wirklichkeitskonstruktion in Zeiten von Fake News – Der populäre Wunsch nach Eindeutigkeiten
Mal mehr und mal weniger ratlos beobachten wir die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und fragen uns, wie wir uns zu den neu entstehenden, anscheinend konsistenten Wirklichkeitskonstruktionen positionieren können und sollen, die einen gesellschaftlichen Konsens infrage stellen, den auch Systemiker_innen häufig für „selbstverständlich“, zumindest aber wertvoll hielten. Daher wollen wir genauer erörtern, wie Wirklichkeiten aus verschiedenen Perspektiven konstruiert und dekonstruiert werden, um Ideen zu entwickeln, wie wir uns als Systemiker_innen in die gesellschaftlichen Diskurse so einmischen können, dass wir sinnvolle Impulse aus systemischer Perspektive beitragen können.

Letzte Aktualisierung: 06.12.2018