Gesundheit
- Systemische Therapie auf dem Deutschen Psychotherapiekongress 2026
- Trauer um Prof. Dr. Rainer Richter: Nachruf der Systemischen Verbände VfSP, SG und DGSF
- Unterstützung der Stellungnahme des Verbunds für Systemische Psychotherapie zur geplanten Absenkung psychotherapeutischer Honorare
- Der Forschungspreis der SG/DGSF 2025 ist vergeben – wir gratulieren Ihnen herzlich – Dr. Viktoria Keller!
- EFTA-RELATES Kongress 2025 in Lyon: Beiträge von Mitgliedern der SG und DGSF
- Neues Info-Sheet: SG-Mitgliedschaft für PiAs, PtWs, angehenden Fachärzt*innen und allen Approbierten, die systemisch arbeiten
- Systemische Prozessreflexion: Stellungnahme zur Integration in die ärztliche Weiterbildung der P-Fächer
- Die Fachgruppe „Systemische Perspektiven auf Extremismus und psychische Gesundheit“ mitgründen
- Eine Buchbesprechung aus systemischer Perspektive: „Trigger, Trauma, Toxisch“ von Lukas Maher
- Das systemische PiA-Forum 2025 startet / Erstes Treffen am 31.01.2025
- Info-Abend für Psychologie-Studierende: Systemisch Arbeiten. Welche Möglichkeiten gibt es? | Am 09.01.2025, 18 Uhr (online)
- Die SG bei der Woche der Seelischen Gesundheit 2024
- Finanzierung der neuen Weiterbildung für Psychotherapeut_innen: Druck zum politischen Handeln steigt
- Neu für Approbierte: Auf der SG-Tagung Fortbildungspunkte sammeln
- 20. und 21. September in Erfurt: Gemeinsame Fachtagung „Systemische Therapie meets Verhaltenstherapie – an involving affair“
- Neuer G-BA Beschluss: EMDR nun auch in der Systemischen Psychotherapie
- Gesucht: Systemiker_innen für Leitlinienarbeit
- Systemische Therapie für Kinder und Jugendliche wird Leistung der gesetzlichen Krankenversicherungen
- 20.12.2023 / 19:00 Uhr: Früher war mehr Lametta – Geselliges vorweihnachtlich-digitales Beisammensein mit der SG
- SG beim 20. sächsischen Psychotherapeutentag
- Besuchen Sie die Systemische Gesellschaft bei LinkedIn
- Approbationsordnung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
- Macht- und Diskriminierungskritik in systemischen Arbeitsfeldern
- Petition zur Weiterbildungsfinanzierung
- Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung sichern!
- Macht- und Diskriminierungskritik in systemischen Arbeitsfeldern
- Der 2. Deutsche Psychotherapie Kongress (10.-13. Mai 2023) lädt ein
- Systemische Therapie: Auch bei Kindern und Jugendlichen zeigen sich positive Effekte in mehreren Anwendungsbereichen
- Ask Us Anything – Fragerunde zur Approbationsausbildung in Systemischer Therapie
- Willkommen an den Verbund für Systemische Psychotherapie (VfSP)
Systemische Therapie auf dem Deutschen Psychotherapiekongress 2026
Vom 8. bis 12. Juni 2026 fand in Berlin der Deutsche Psychotherapiekongress (DPK) statt. Als größter deutschsprachiger Kongress für Psychotherapie bringt er Wissenschaft, Praxis und Gesundheitspolitik zusammen und bietet damit einen wichtigen Einblick in aktuelle Entwicklungen des Fachs. Für die Systemische Therapie, die zwar eine lange Tradition in vielen Anwendungsfeldern hat, aber erst seit wenigen Jahren fest als Richtlinien-Psychotherapieverfahren verankert ist, stellte sich dabei besonders die Frage: Welche Themen prägen die Forschung heute, und wohin entwickelt sich das Feld?
Mehrpersonensetting im Mittelpunkt der Forschung
Ein deutlicher Schwerpunkt der Forschung, die auf dem DPK von Systemiker*innen präsentiert wurde, lag auf der Arbeit im Mehrpersonensetting, einem Kernmerkmal Systemischer Therapie. Das Mehrpersonensetting bezieht in therapeutische Prozesse relevante soziale Systeme, etwa Partner*innen, Familienmitglieder oder andere Mitglieder des sozialen Umfelds, ein und folgt damit dem Grundverständnis, psychische Störungen und Veränderungsprozesse nicht isoliert auf individueller Ebene zu betrachten, sondern als emergente Phänomene sozialer Beziehungen und Interaktionen zu betrachten. Gerade diese Praxis stellt jedoch im Gesundheitssystem besondere Anforderungen, da Versorgungsstrukturen, Finanzierungsmodelle und Dokumentationsprozesse primär auf die Behandlung einzelner Patient*innen ausgerichtet sind.
Im Symposium „Von der Evidenz zur Umsetzung“, geleitet von Prof. Christina Hunger-Schoppe (Universität Witten/Herdecke) und Prof. Laura Galbusera (Medizinische Hochschule Brandenburg), diskutierten verschiedene Beiträge, wie das Mehrpersonensetting auch in der psychotherapeutischen Routineversorgung der Systemischen Therapie stärker verankert werden kann. Vorgestellt wurden unter anderem Ergebnisse einer bundesweiten Befragung zur Frage, warum Bezugspersonen in Psychotherapien einbezogen werden – oder eben nicht (Hanna Konradi, Uni Mainz). Weitere Beiträge beschäftigten sich mit Clustern von Verläufen von Einzel- und Mehrpersonensettings in der Systemischen Psychotherapie (Meriana Ophaus et al., Uni Witten-Herdecke) und mit qualitativen Daten zu Barrieren und Bedürfnissen für die Implementierung des Mehrpersonensettings (Simon Ohlig und Anna-Lena Graf et al., MHB). Einen wichtigen Beitrag zum Symposium lieferte zudem die Vorstellung von SYSDOK, einem System zum Routine Outcome Monitoring in der ambulanten Systemischen Therapie, dass eine Erfassung des (Mehrpersonen)Settings in der Therapie problemlos ermöglicht und bereits breit in einem Netzwerk von Ausbildungsambulanzen eingesetzt wird (Prof. Stefan Schmidt, Uni Freiburg).
Auch darüber hinaus waren Beiträge zum Mehrpersonensetting in Symposien des Kongresses vertreten. Weitere Beiträge untersuchten beispielsweise Settingwechsel zwischen Einzel- und Mehrpersonensetting / Familientherapie in der systemischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (Dr. Niels Braus et al., Uni Witten-Herdecke), den Einfluss von Ausbildungsbedingungen auf die Durchführung von Mehrpersonensettings (Robin Gräbenkämpfer et al., Uni Witten-Herdecke) oder zum Routinemonitoring der Therapiemodalitäten in Ausbildungsambulanzen (Prof. Christina Hunger-Schoppe, Uni Witten-Herdecke).
Die Vielzahl der Beiträge macht deutlich: Die Frage, wie soziale Beziehungen und Systeme konsequent integriert werden können, ist ein besonders zentrales Feld für die Systemik in der psychotherapeutischen Versorgung und entwickelt sich zunehmend zu einem eigenständigen und empirisch gut untersuchten Forschungsfeld, das wiederum wertvolle Impulse für die Etablierung systemischer Praxis in der Psychotherapie und darüber hinaus bieten kann.
Forschung braucht gute Messinstrumente
Ein weiterer Schwerpunkt systemischer Forschung lag auf der Entwicklung und Validierung von Instrumenten zur Erfassung systemischer Therapieprozesse. Vorgestellt wurden unter anderem Arbeiten zur therapeutischen Allianz in Mehrpersonentherapien mittels des SOFTA-Instruments (Katrin Fischer et al., Uni Mannheim), zur Struktur und Dynamik von Symptomnetzwerken erfasst durch den (hypno-)systemischen Prozessfragebogen (N. Kruse et al., SysTelios Think Tank) sowie zu den zum Erleben von wichtigen sozialen Beziehungen von Kindern und Jugendlichen (Prof. Christina Hunger-Schoppe et al., Uni Witten-Herdecke).
Diese Forschung mag auf den ersten Blick technisch und diagnostisch erscheinen, bildet jedoch eine wichtige Grundlage für die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Systemischen Therapie und der Qualitätssicherung in der Praxis. Gute Messinstrumente ermöglichen es, Prozesse und Wirkmechanismen besser zu verstehen und die Qualität systemischer Therapie empirisch zu untersuchen – und mit der Erfassung von Mehrpersonensettings und systemischen Veränderungssprozessen über individualieserte Ideen von Diagnostik und Therapieerfolg hinauszugehen. Dabei ist diese Forschung nicht nur für Psychotherapeut*innen interessant: Auch für Evaluationsstudien in anderen Anwendungsfeldern der Systemischen Therapie, wie der Kinder- und Jugendhilfe, der sozialen Arbeit oder der psychosozialen Versorgung können solche Messinstrumente wertvolle quantitative Daten leisten und somit die Forschung und Praxis bereichern.
Neue Wege „der Klassiker“: Von Familienaufstellungen bis Virtual Reality
Ebenso durften Beiträge zu Methoden der klassischen Familientherapie und innovative Weiterentwicklugnen auf dem Kongress nicht fehlen. So wurden noch existierende Angebote von Familien- und Systemaufstellungen nach Hellinger, von denen sich Systemische Fachgesellschaften bereits vor langer Zeit distanziert haben, in einer Graufeld-Analyse im deutsch- und englischsprachigen Raum kritisch untersucht (Prof. Kirsten von Sydow, Medical School Hamburg). Gleichzeitig zeigte eine Machbarkeitsstudie zu Systemaufstellungen in virtueller Realität, wie digitale Technologien künftig neue Möglichkeiten für systemische Skulpuren und die Verlagerung des Mehrpersonensettings in den virtuellen Raum, eröffnen könnten (Tobias van Bebber et al., Uni Witten-Herdecke).
Systemiker*innen in der Grundlagenforschung
Neben spezifisch systemischen Themen waren zahlreiche Systemiker*innen auch in der Grundlagenfoschung präsent. Zu besonders spannenden Untersuchungen gehörten Ergebnisse zur Synchronität von psychobiologischen Markern bei älteren Paaren (Corina Aguilar-Raab et al., Uni Mannheim), zur Herzratenvariabilität in der Psychotherapieforschung (Mattis Nuding et al., Uni Mannheim), zu offenen Placebos (Prof. Stefan Schmidt, Uni Freiburg) oder zur interpersonellen Synchronie in therapeutischen Interaktionen (Prof. Stefan Schmidt, Uni Freiburg). Diese Beiträge verdeutlichen, dass Systemiker*innen schon lange an Grundlagenforschung in der Psychotherapie beteiligen und ihre Perspektiven – wie dyadische Forschung, lösungsorientierte Ansätze, oder Systemdynamiken – in interdisziplinäre Forschungszusammenhänge einbringen.
Systemische Perspektiven aus der Praxis
Der DPK bietet neben Forschung auch immer die Möglichkeit, Sysmposien für die praktische Arbeit zu gestalten. Im Symposium „trans Gesundheit“* stellte die Systemische Therapeutin Mari Günther einen interdisziplinären Beitrag zur psychotherapeutischen Begleitung trans* Jugendlicher im Kontext von Familie, Beratung und Jugendhilfe vor. Das Praxissymposium „Zugangsgerechtigkeit beginnt bei uns: Bausteine einer diskriminierungskritischen Berufspolitik“, geleitet von Patiani Batchati (Systemische Psychotherapeutin i.A.), thematisierte Möglichkeiten, psychotherapeutische Versorgung diskriminierungskritischer und zugänglicher zu gestalten. Ein Fokus der Systemischen Therapie in der Praxis bleibt somit häufig, Versorgungslücken zu schließen und das Versorgungssystem, insbesondere für Kinder, Jugendliche und Familien sowie bei Menschen mit Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen, gerechter zu gestalten.
Fazit: Wo steht die Forschung in der Systemischen Therapie heute?
Mit dieser Vielfalt an Beiträgen zeigte sich eindrücklich, wie sich Forschung und Praxis der Systemischen Therapie in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und etabliert haben. Besonders sichtbar waren Themen, die an etablierte psychotherapiewissenschaftliche Forschungsansätze anschließen, darunter Mehrpersonensettings, Routinedaten, Prozessforschung sowie die Entwicklung und Validierung von Messinstrumenten. Erfreulich war zudem die starke Präsenz von Nachwuchswissenschaftler*innen. Ein informelles Netzwerktreffen brachte rund 15 Forschende zusammen und bot Raum für Austausch, Kooperationen und gemeinsame Perspektiven.
Im Hinblick auf die theoretische und epistemiologische Verortung der Beiträge zeigte sich zugleich, dass systemtheoretische, konstruktivistische und kybernetische Traditionen im Vergleich zu ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Systemischen Therapie und dem internationalen Diskurs eher wenig vertreten waren. Auch qualitative Forschung sowie Forschung zur systemischen Paar- und Familientherapie spielten eine vergleichsweise geringe Rolle. Zugleich eröffnen sich hier interessante Entwicklungsperspektiven – etwa für dynamische und netzwerkorientierte Modelle psychischer Probleme, systemische Perspektiven auf Diagnosen, gesellschaftliche Narrationen und Stigmatisierungsprozesse oder die Weiterentwicklung konstruktivistischer und systemtheoretischer Konzepte für aktuelle Forschungsfragen. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, wie die Systemik mit ihren theoretischen Wurzeln den gegenwärtig in der Psychotherapieforschung dominierenden empirisch-(post-)positivistischen Forschungsparadigmen produktiv herausfordern und erweitern kann.
Ausblick auf den Deutschen Psychotherapiekongress 2027
Ein besonderer Ausblick richtet sich bereits auf den nächsten Deutschen Psychotherapiekongress vom 28. Juni bis 2. Juli 2027, der von Prof. Corina Aguilar-Raab und Prof. Svenja Taubner ausgerichtet wird. Für die wachsende systemische Community in der Psychotherapieforschung und angrenzenden Feldern könnte sich dabei die Gelegenheit weiter eröffnen, den in diesem Jahr gesetzten starken Impuls aufzugreifen, die Vielfalt systemischer Forschung noch sichtbarer zu machen und stärker in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Auf diese Weise lassen sich wichtige Beiträge zur Weiterentwicklung der Psychotherapie und der Versorgungsstrukturen leisten.
Bevor es so weit ist, geht ein herzlicher Dank an die Ausrichterinnen des diesjährigen Kongresses für die gelungene Organisation sowie für die vielfältigen fachlichen Impulse. Der Kongress bot einen wertvollen Rahmen für Dialog und Vernetzung – und dies ist gerade in den momentan gesundheitspolitisch herausfordernden Zeiten von besonderer Bedeutung.
– von Dr. Maria Blöchl, Referentin für Systemische Therapie und Gesundheit
